Wir alle kennen diesen Satz, „Die Zeit heilt alle Wunden“. Das ist ein schönes und oft tröstliches Sprichwort für uns. Wenn wir diese Worte hören kommen wir ein bisschen zur Ruhe und denken, wenn nur genug Zeit vergangen ist, haben wir alles überwunden oder wir kehren zurück, zu unserem Leben, wie es vorher war. Die Zeit kann uns die Hand reichen und Raum geben, damit wir mit dem Erlebten besser klar kommen — wie zum Beispiel in Krisensituationen, Notfällen oder Verlust. Die Zeit stoppt die Blutung einer Wunde und legt etwas über das Erlebte, wie einen Verband und wir spüren durch die Zeit, dass wir Wunden und Verletzungen nicht mehr so direkt empfinden. Das ist aber letztlich eine sanfte Art der Verdrängung, Verleugnung und der Versuch etwas zu vergessen. Die Zeit heilt keine Wunden, sie erweckt nur den Anschein, dass die Themen sich auflösen, aber sie werden lediglich abgelagert, wie radioaktives Material tief in den Salzstöcken  gelagert wird, aber dennoch strahlt. Dort liegen unsere Themen und warten, manchmal viele Jahre und Jahrzehnte darauf wieder angesehen, dann bearbeitet und schließlich aufgelöst zu werden. Heilung braucht Raum und vor allem bewusstes Hinsehen. „Was wir nicht ansehen, können wir nicht verändern“. Wirkliche Heilung und Entwicklung können wir nur erreichen, wenn wir den Mut haben uns mit unseren Wunden zu beschäftigen und diesen Themen nicht ausweichen.